Vor etwas mehr als zwei Wochen war es soweit: Deutschlands beliebteste Urlaubsinsel Mallorca ist endlich kein Risikogebiet mehr.

Der Inzidenzwert rutschte unter die magische Grenze von 50 (sogar bis auf 20). RKI und Auswärtiges Amt hoben somit den Status auf. Seit zwei Wochen kann Mallorca nun aus deutscher Sicht ohne Maßnahmen bei der Rückkehr (Test (erst ab dem 30.3.) oder Quarantäne) bereist werden.

Das allein ist zunächst ein Grund zur Freude. Zumindest aus meiner Sicht: Zum einen für die so hart gebeutelten Mallorquiner, die ja zum großen Teil vom Tourismus leben und als Saisonkräfte keine finanzielle Unterstützung erhalten. Zum anderen für uns Deutsche: „Unser“ Mallorca kann endlich wieder mit staatlicher Erlaubnis (keine Reisewarnung mehr) bereist werden.

Stattdessen:

 

Du liebe Güte! Wer hätte erahnen können, was das für ein Erdbeben auslöst? Die Nerven liegen anscheinend bei allen blank.

Wenn Sie gerade nicht auf dem Laufenden sind, hole ich Sie gerne ab:

 

TUI und Lufthansa sind aus dem Pandemieschlaf erwacht

Die mit Milliardenbeträgen staatlich gestützten Unternehmen TUI und Lufthansa überboten sich plötzlich in Präsenz, nachdem sie ein Jahr lang für Kunden und Reisebüros im Pandemieschlaf waren: Lufthansa habe Hunderte (!) von Flügen für Ostern aufgelegt und die TUI ihr Programm immens hochgefahren. Als ich das las, entschied ich spontan, keine Werbung für Mallorca-Reisen über Ostern zu starten.

Zum einen befürchte ich, dass beide Unternehmen ihre vollmundigen Ankündigen nicht halten können und kurzfristig wieder Flugänderungen hereinflattern, weil die Nachfrage tatsächlich nicht so groß ist, wie die Unternehmen sich das gern wünschen. Die Folge sind das Zusammenlegen von Flügen, Flughafenänderungen oder komplette Flugstornierungen.

Zum anderen ist bei den aufgelegten staatlich gestützten Billigangeboten klar, welche Kunden das anzieht. Die Enttäuschung wird groß sein, wenn sie feststellen, dass Ballermann & Co. nicht stattfinden. Ich bin mir sicher, dass Mallorca sehr schnell wieder ein Risikogebiet sein wird. Heute hat mir eine Kollegin ein Foto von ihrem Flug nach Mallorca geschickt. Mit ihr waren immerhin 10 Passagiere an Bord.

 

Die deutsche Hotel- und Gastronomieszene steht Kopf

Die gesamte deutsche Hotel- und Gastronomieszene – insbesondere in den deutschen Feriengebieten – hat sich zusammengetan und eine riesengroße Kampagne gegen Mallorca-Urlaub gefahren. Ein Shitstorm auf einem Niveau, der seinesgleichen sucht:

„Deutsche dürfen keinen Urlaub in Deutschland machen, aber nach Mallorca fliegen“.

„Die Bundesregierung zerstört die eigene Gastronome, aber der Ballermann darf öffnen“.

„Die deutschen Ferienziele müssen geschlossen bleiben, aber Mallorca wird geöffnet.“

„Deutsche werden dazu ermutigt, ihr Geld nach Mallorca zu bringen, während deutsche Gastronomen am Rande ihrer Existenz stehen“.

So oder so ähnlich brachten sie ihre Wut zum Ausdruck.

Dabei blieb es nicht.

 

Mallorca-Reisende erleben Anfeindungen

Der gemeine Deutsche zeigt sich seitdem ähnlich empört von seiner „besten“ deutschen Seite.

Reisende, die Mallorca gebucht haben, werden von Nachbarn, Freunden und Familie angefeindet.

„Es ist doch Corona!“.

„Wie könnt Ihr nach Mallorca reisen?“

Kollegen aus Reisebüros berichten von Stornierungen durch Kunden mit hohen Stornokosten. Die Kosten nehme man gern auf sich, um es sich mit den Nachbarn nicht zu verscherzen.

Wer noch kann, verrät es den „Freunden“ und „guten Nachbarn“ einfach nicht und reist heimlich.

Das habe ich mir nicht ausgedacht. Das sind Berichte von Kollegen aus Reisebüros und bei Reiseveranstaltern.

Geht’s noch? Was ist der nächste Schritt? Werden Häuser markiert, in denen Mallorca-Reisende wohnen? Kinder ausgegrenzt (zum Glück kann man sie ja gerade nicht von Geburtstagen ausladen)? Armbinden mit Sternen verteilt?

Wegen einer Urlaubsreise nach Mallorca, die sämtliche offiziellen Auflagen der Pandemieeindämmung erfüllt?

Wer selbst nicht reisen möchte oder sich nicht traut, ist nicht gezwungen zu reisen.

Wir müssen zusammenhalten! 

 

Deutsche Medien auf Empörkurs

Medien verstärken die Empörung und berichten von Flughäfen, an denen Flieger nach Mallorca abheben. In ihrer grenzenlosen Sach-Unkenntnis fallen Falschmeldungen wie „erste Flieger nach Mallorca heben ab“, „Reisen nach Mallorca wieder möglich“, „Auf zum Ballermann!“.

Was an diesen Aussagen falsch ist, erkläre ich weiter unten.

 

Die Bundesregierung reagiert

Die Bundesregierung führt aufgrund der ganzen Empörung eine Testpflicht für die Rückkehr aus Ländern und Regionen ohne Reisewarnung ein. Diese sollte zunächst am vergangenen Freitag, dann heute und jetzt erst am Dienstag starten. Grund für die Verzögerung sei, dass man den Fluggesellschaften Zeit für die Umsetzung geben müsse. Puh, die Fluggesellschaften müssen doch eh schon bei Rückkehr aus Risikogebieten Tests prüfen. Immerhin gehörte Mallorca bis vor zwei Wochen noch dazu. Das kann also nicht so ein großer Akt für sie sein.

Für alle, die sich auf eine Rückkehr ohne Test oder Quarantäne bei der Rückkehr verlassen haben, ist das eine bittere Pille: Sie müssen die zusätzlichen Kosten für die Testung vor Ort nun aus eigener Tasche bezahlen.

Diese ständigen Änderungen der bestehenden Reise- und Quarantäneverordnungen sorgen zudem für wenig Vertrauensaufbau bei Reisenden. Allerdings ist das ja auch so gewünscht, um so wenig Menschen wie möglich zum Reisen zu motivieren.

Generell bin ich für umfassende Testungen unterwegs und auf Reisen. Sie sind ein ganz elementarer Schritt zurück in eine Normalität unter Pandemiebedingungen.

 

 

„Der Kampf gegen Corona wird an der Impffront entschieden. Nicht auf Mallorca!“

Oliver Welke, heute-show vom 25.3.2021

 

 

inventia Newsletter-Leser wissen mehr

Dafür bereite ich seit Beginn der Pandemie wichtige Informationen auf und bringe sie in einen sachlich relevanten Kontext, der mehrere Perspektiven bietet. Einmal pro Woche erhalten Sie in meinem Newsletter Updates und auch Inspirationen für Neues Reisen. Hier abonnieren: www.inventia.de/newsletter.

Ich möchte, dass Sie als verantwortungsbewusste*r Reisende*r Argumente in der Hand haben, um sachlich und faktengestützt reagieren zu können. Sei es, weil sie als Reisende*r betroffen sind oder auch weil sie in eine Diskussion geraten. Ich persönlich lasse mich von Fakten immer gern beraten, um mich der allgemeinen Hysterie zu entziehen.

 

Ohne Reisescham im Gepäck nach Mallorca. Ein paar Fakten. Klicken Sie um zu Tweeten

 

 

Meine Haltung zum Reisen im Pandemiemodus:

  • Ich kann die Not der deutschen Hotel- und Restaurantbetriebe sowie ihren Wunsch nach Öffnung sehr gut nachvollziehen. Immerhin ist die Reisebranche sogar bereits seit mindestens 1,5 Jahren durchgehend ohne nennenswerte Einkünfte. Den Mallorquinern nun aber mit populistischen Falschaussagen das wenige Geschäft zu zerstören, bringt die deutsche Gastronomieszene selbst keinen Schritt nach vorn. Wohin führt es uns in Deutschland, wenn jetzt schon Reisende aus Angst vor Anfeindungen von Freunden, Familie und Nachbarn heimlich reisen oder ihre Reisen absagen? All diese Maßnahmen nützen niemandem. Sie entzweien, zerstören Zusammenhalt und das dringend benötigte Geschäft von Gastronomen in Deutschland UND auf Mallorca, die zudem keine staatlichen Hilfen erhalten.
  • Obwohl ich als Reiseveranstalterin von der Pandemie besonders hart betroffen bin, trete ich aktuell nicht für freies Reisen ein. Die Hürden für das Reisen müssen hoch bleiben, um Touristenmassen zu verhindern. Die Einteilung der Länder in Risiko- und andere Gebiete sowie Testungen und digitale Einreiseanmeldungen für Einreise bei der Rückkehr halte ich generell für sinnvoll. Leider werden nur Flugreisende kontrolliert. Bahn- und Autoreisende fallen durch das Raster, da an den Grenzen kaum geprüft wird. Ich unterstütze Menschen, die verantwrtungsbewusst reisen und sich im Reiseziel an die örtlich geltenden Regeln halten möchten: Abstand zu anderen, Mund-Nase-Schutz tragen und Testungen sind das Mittel der Wahl.
  • Wir könnten hier natürlich eine Debatte darüber führen, ob der Inzidenzwert das einzige Mittel der Wahl für Einstufungen in Gut oder Böse ist. Leider würde es hier zu nichts führen. Ich kann Ihnen nur Reisen verkaufen, wenn ich die offiziellen Bedingungen und Regeln kenne. Meine Aufgabe ist es, Sie diesbezüglich zu informieren. Es nützt leider nichts, diese zu ignorieren. Das Ergebnis wäre, dass Sie schon am Flughafen in Deutschland von Ihrer Fluggesellschaft abgelehnt werden und Ihre Reise gar nicht erst antreten können. Was Sie selbst dann mit diesen Informationen anfangen, überlasse ich gern Ihnen. Sie kennen das: „Nur wer die Regeln kennt, kann sie brechen“.

 

Die neue Reise-Scham: Bringen Touristen das Virus mit?

 

Soviel steht fest: Flugreisen sind sicher. Ein paar Daten und Fakten.

 

Nun zu den Fakten über Mallorca

1. Mallorca ist keine deutsche Urlaubsinsel: Das ist wohl der Hauptgrund dafür, dass hier andere Regeln als auf Sylt und Rügen gelten. Die Coronamaßnahmen werden von der Regionalregierung Mallorcas bestimmt und die untersteht der spanischen Regierung und nicht der Deutschen Bundesregierung. Klingt für viele nicht richtig. Ist aber so.

2. Der Inzidenzwert auf Mallorca liegt zwischen 20 – 30. Damit wird Mallorca wie alle Länder der Welt mit Werten unter 50 nicht mehr als Risikogebiet vom Auswärtigen Amt und dem RKI eingestuft. Es gibt aktuell 37 Länder / Regionen in der Welt, die nicht als Risikogebiet eingestuft sind. Viele davon haben geschlossene Grenzen, sodass eine Einreise deutscher Touristen trotzdem nicht möglich ist. Hätten wir diesen Inzidenzwert in Deutschland, wäre die Gastronomie geöffnet. Da wir aber nicht annähernd so harte Auflagen im privaten Leben haben wie die Mallorquiner, wird das wohl vorerst ein Traum bleiben.

3. Die Mallorquiner haben sich diesen Wert hart erarbeitet: Echte Lockdowns  (nicht so wie bei uns) mit monatelangen Ausgangssperren und ohne finanziellen Ausgleich liegen hinter ihnen. Viele Familien haben ihre Existenzgrundlage verloren und wissen nicht mehr, wovon sie ihre Kinder ernähren sollen. Wenn keine Touristen kommen und Hotels sowie Restaurants geschlossen sind, steht das Leben auf der Insel still. Auch die Zulieferbetriebe haben keine Arbeit mehr: Wäschereien, Bus- und Taxibetriebe, Mietwagenfirmen, Reinigungsfirmen usw.

4. Man kann bereits seit Monaten nach Mallorca fliegen und Urlaub machen. Täglich gingen Flieger ab / nach Deutschland. Ruchesuchende Urlauber erleben hier traumhafte Urlaube mit viel Abstand zu anderen und dankbaren Einheimischen. Ich will nicht sagen, dass man Reisen muss, doch das plötzliche Mallorca-Bashing ist schon merkwürdig und kann wohl nur als Neiddebatte betrachtet werden. Über die Malediven, Dubai und viele andere Länder, in die Deutsche seit Beginn der Pandemie reisen, wird kein Wort verloren. Bei „unserem“ Mallorca ist die Toleranz jedoch vorbei.

5. Spaniern ist das Reisen im Land verboten.

6. Es sind ca. 50 von 1000 Hotels geöffnet. Jedes Hotel darf nur eine Auslastung von ca. 55% haben, um ausreichend Platz im Speisesaal und den öffentlichen Bereichen zu gewährleisten. Eventuell werden über Ostern weitere Hotels öffnen. Zu viele werden es nicht sein. Immerhin will das gut geplant sein: Speisen, Getränke und Personal – das Hochfahren eines Hotelbetriebes ist komplex und kostenintensiv. Wenn es nach Ostern keine oder nur noch wenige Buchungen gibt, muss ja wieder geschlossen werden. Das lohnt sich für viele nicht.

7. Um 17 Uhr ist Sperrstunde. Innengastronomie wurde vor zwei Wochen wieder verboten. Die Außengastronomie muss um 17 Uhr schließen. Die Masken sind zu tragen, bis die bestellten Speisen am Tisch ankommen. Belegung: 6 Personen/Tisch aus maximal zwei Haushalten. Das klingt wohl kaum nach hemmungslosen Ballermann-Parties.

8. Zwischen 22 und 6 Uhr gilt eine Ausgangssperre. Auch Touristen dürfen in dieser Zeit ihr Hotel nicht verlassen.

9. Hygienemaßnahmen: Es besteht die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasenbedeckung auch im öffentlichen Raum und am Strand. Geschäfte sowie Einkaufszentren sind mit eingeschränkter Kapazität geöffnet.

10. Strenge Einreiseregeln nach Mallorca: Mallorca ist aus deutscher Sicht kein Risikogebiet mehr. Umgekehrt ist es aber ganz anders: Deutschland ist aus der Sicht Mallorcas ein Risikoland. Für die Einreise benötigen Deutsche

  • einen PCR-Test, der bei Check-In im Hotel nicht älter als 72 Stunden alt sein darf. Außerdem muss das Testergebnis die Nummer des Reisedokuments enthalten, das der Reisende unterwegs nutzt. Die Kosten für den Test (zwischen 79 und 130 € pro Person) zahlt der Reisende selbst.
  • einen QR-Code, den der Reisende aufgrund einer digitalen Anmeldung erhält
  • Die Fluggesellschaft prüft den negativen Test sowie den QR-Code und muss Reisende abweisen, die die Vorgaben nicht einhalten.

11. Ab Dienstag: Testpflicht bei Rückreise nach Deutschland aus Ländern ohne Reisewarnung. Das bedeutet, dass Reisende, die z.B. aus Mallorca (mit einer Inzidenz von 30 und strenger Einhaltung der Hygieneregeln) kommen, einen negativen Test vorweisen müssen, wenn sie nach Deutschland (Inzidenzwert gesamt zur Zeit bei 126 mit Spitzen bei über 400) reisen möchten. Der Test muss am Reiseziel durch den Reisenden organisiert und bezahlt werden. Beim Check-In darf der negative Test nicht älter als 48 Stunden sein. Wer positiv getestet wird, kann nicht boarden. Die Quarantäne wird zu den im Reiseziel gültigen Bedingungen angetreten (der wirtschaftliche Schaden kann durch die richtige Versicherung minimiert werden). Das ist zunächst befristet bis zum 12. Mai. Die Bundesregierung hat der deutschen Gastronomie damit ein Stöckchen zur Beschwichtigung zugeworfen: Zumindest wird die Rückreise für Mallorca-Urlauber verteuert und verkompliziert. Die deutsche Gastronomie hat im übrigen überhaupt keinen Vorteil noch irgendeine Verbesserung dadurch.

12. Die Bundesregierung prüft ein generelles Reiseverbot. Diese Nachricht wurde medienwirksam verbreitet. Auch damit wäre der deutschen Gastronomie nicht geholfen. Im Gegenteil, das schließt ja Reisen im Inland ein. Ganz abgesehen davon, dass ja auch eine neue Studie des RKI im Februar 2021 wieder bestätigt hat, dass Urlaubsreisen keine Pandemietreiber sind. [Mehr zu den Studien] Zum generellen Reiseverbot und wieso das nicht kommen wird, schreibe ich einen gesonderten Artikel.

 

Wie ist Ihre Meinung? Diskutieren Sie in den Kommentaren mit.